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DNJF Düsseldorf 2011
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Ein Blick in die UrsuppeEin Blick in die Ursuppe

Musik aus Norwegen – Ein persönlicher Zugang

Als ich das erste Mal in meinem Leben, nach dem Abi, drei Wochen lang durch Norwegen fuhr, war es die Landschaft, die mich am meisten beeindruckt hat – wie wahrscheinlich jeden. Nach diesen drei Wochen wusste ich: Ich komme wieder her. Das tat ich auch – 2003 zog ich für ein Jahr nach Trondheim, um dort zu studieren.

Da lernte ich dann, dass die Kultur dieses kleinen Völkchens mindestens ebenso beeindruckend ist wie all die Berge und Fjorde, die einen hier ständig umgeben. Und vor allem die Musik, die ebenso weitläufig und vielfältig ist wie die norwegische Natur, ebenso schroff und wunderschön, ebenso seltsam wie bestechend einfach. Seitdem hat mein Musikgeschmack einen deutlichen Nord-Drall bekommen, der wohl auch nie mehr verschwinden wird.
Als mir das klar wurde, suchte ich nach einer Möglichkeit, meine Faszination für diese Musik mit anderen zu teilen, denen es vielleicht ebenso geht. So stieß ich vor gut zwei Jahren auf die Website www.nordische-musik.de, die ohne kommerzielle Hintergedanken von ähnlichen Fanatikern wie mir betrieben und bestückt wird – sie ist wahrscheinlich der beste und umfangreichste Fundus zu Musik aus Skandinavien, den es gibt – nicht nur auf deutsch. Ich selbst bleibe so auf dem Laufenden. Und meine Liebe wächst. Hier ein paar Beispiele – ein sehr persönlicher Ausschnitt aus einer Musiklandschaft, die viel zu riesig ist, sie allein zu überblicken.

Rock und Retro

Auch wenn ich eher die seltsamen Nischen mag, oder, um im Bild zu bleiben, die abgelegenen Täler und hinterletzten Fjordwindungen norwegischer Musik (zu ihnen später mehr), so kommt man doch um einige Rock- und Pop-Größen einfach nicht herum. „Kaizers Orchestra“ seien als Erste genannt, eine rotzige Formation mit Retro-Charme, die gerne über Krieg, Ehre und die dreckigen Begleiterscheinungen singt, ganz ernst und gleichzeitig sehr ironisch. Sie sind in inzwischen auch in Deutschland so bekannt und wegen ihrer Live-Shows beliebt, dass sie große Konzertsäle füllen.
Nicht ganz so bekannt (zu Unrecht) sind die Jungs plus Sängerin von „Gåte“, die die beste Fusion aus Mittelalter, Volksmusik und Rock-Power herstellen, die ich kenne – perfekt arrangiert, wundervoll gesungen, in wogendem Dialekt. „Volksmusik“ ist im Norden halt einfach (noch) nicht so verpönt wie hierzulande, wo bei dem Wort alle gleich an Musikantenstadl denken.
Ein echter Abräumer auch in Deutschland sind „Röyksopp“, das kühle Elektro-Pop-Duo aus Tromsø – spätestens seit sie für „Remind Me“ einen MTV-Video-Award erhielten. Ihre Musik ist eine Mischung aus distanziert (eben typisch nordisch) und unbedingt tanzbar, und so ungeheuer lässig, wie das sonst kaum ein Knöpfchendreher schafft. Soviel zu den Gängigen. Jetzt geht’s in die spannenden Nischen.

Volksmusik? Folk? Neofolk? Oder was?

Den engen Bezug zur Volksmusik hatten wir schon – und norwegische Musiker arbeiten sich gern und sehr ausführlich an ihrer klingenden Vergangenheit ab. Eines der besten Beispiele dafür ist die Vertonung von Arne Gaborgs Gedicht-Epos „Haugtussa“ durch Kjetil Bjørnstad und Lynni Trekrem. In einer Mischung aus Volkston, Jazz und Weltmusik führt Trekrems bestechende Stimme durch die anrührende Geschichte eines ungewöhnlichen Mädchens.
Einen völlig anderen Zugang hat Frode Haltli, der zusammen mit einigen allgegenwärtigen Kollegen erst kürzlich „Passing Images“ einspielte – bei ECM erschienen und daher, anders als leider viele andere norwegische Musik-Perlen, auch in Deutschland problemlos zu bekommen. Die Truppe spielt frei improvisierten Folk, und die Musiker scheinen manchmal selbst überrascht zu sein, wie wunderschön archaisch und gleichzeitig brandneu das klingt. Sowas gibt es in Deutschland nicht.

Jazz, Elektronik, Post-Jazz, Nyjazz – eine Ursuppe

Der derzeit spannendste Bereich der norwegischen Musik, finde ich zumindest, ist alles, was dort seit ein paar Jahren unter dem Namen „Nyjazz“ (Neuer Jazz) auf den Markt quillt. Der Name ist ein bisschen seltsam, ein Notbehelf. Denn noch ist nicht klar, wohin all diese Experimente einmal führen werden: Das Genre ist eine brodelnde Ursuppe, aus der vielleicht mal eine völlig neue Musikrichtung entstehen wird. Die Zutaten sind: Jazz, Improvisierte Musik, Krach, Elektronik, Folk, Pop, Musik anderer Kulturen. Einige der Protagonisten (auch wenn in solchen Listen immer welche fehlen) sind Nils Petter Molvær, Arve Henriksen, Terje Isungset, Helge Sten, Ståle Storløkken, Geir Jensen. Letzterer ist besser bekannt als „Biosphere“ und noch am Besten einzuordnen: Seine Musik ist rein elektronisch, mal abstrakt, mal tanzbar, mal düster – „Substrata“ ist das Album, das ich als ersten Zugang empfehle. Eine klare, ebenfalls (und vor allem live) sehr tanzbare Mischung aus Jazz und Beats fabriziert seit Jahren der Trompeter Molvær, das ist ziemliche Eis-und-Weite-Musik. Terje Isungset hat sogar mal wortwörtliche Eismusik gemacht: Alle Instrumente waren aus Eis modelliert und wurden nach der Aufnahme von „Iceman Is“ wieder eingeschmolzen.
Ein zweiter Trompeter, einer der Nyjazz-Motoren, ist Arve Henriksen. Sein Ton ist mystischer als Molværs, rauer, experimenteller. Er tanzt auf unzähligen Hochzeiten, aber seine Soloplatten und seine Arbeit im Quartett „Supersilent“ mischen die Ursuppe gehörig auf. „Supersilent“ macht improvisierten Krach, der mit keiner anderen Musik vergleichbar ist. Die CDs sind nackt, enthalten keine Infos, haben keine Namen, werden einfach durchnummeriert, ebenso die Tracks. Bei Nummer acht sind „Supersilent“ inzwischen angekommen. Wer weiß, was da noch alles kommt. Ursuppe eben: Einzeller oder Dinosaurier. Energie hat die Musik genug für mehrere Kontinental-
verschiebungen. Übrigens, den besten Überblick über das neue Genre bekommt man, wenn man die Veröffentlichungen des Labels „Rune Grammofon“ im Auge behält. Dort erscheinen ausschließlich musikalische Leckerbissen, das kann man blind alles kaufen. Oder könnte man, mit dem nötigen Kleingeld.

Das Schöne an den Rändern – und die Norweger in Deutschland

An den Rändern der umtriebigen, nicht unanstrengenden Nyjazz-Suppe lagern sich ungeahnte Schönheiten ab. Hier nur ein Beispiel: Susanna Wallumrød, die auf inzwischen drei Alben gezeigt hat, wie man mit einer verletzlichen Stimme und minimalen Mitteln herzzerreißende Pop-Balladen singen kann, fernab der Pop-Industrie und doch ungeheuer erfolgreich.
In Deutschland sind die Norweger übrigens erstaunlich präsent – dank einiger Konzertveranstalter, die das Nordland als eine Quelle musikalischer Erneuerung entdeckt haben, die so frisch und reichlich sprudelt wie vielleicht keine andere in Europa. Beim Festival in Moers, das das Wort „Jazz“ erst jüngst aus seinem Namen gestrichen hat, sind regelmäßig Skandinavier zu Gast. Auch in diesem Jahr, vier Tage über Pfingsten. Zu hören sind: Die Stimmakrobatin Sidsel Endresen und die Knöpfchendrehmeister Jan Bang und Erik Honoré, alle drei Köpfe des „Punkt“-Festivals, das jedes Jahr in Kristiansand der Ursuppe neue elektrische Impulse gibt. Außerdem Frode Gjerstad mit seinem Orchester, das über die Grenzen des Landes schaut, und (Freude, Freude!) „Supersilent“ mit Terje Rypedal als Gast. So viel norwegische Ursuppen-Musik auf einen Haufen – dafür muss man sonst hinfahren in das Land im Norden. Und zwischen den ganzen Bergen dort gehörig die Ohren aufsperren. Und lauschen.

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